Historische Ansichten von Eutritzsch (142)
Blicke nach und über Eutritzsch
Schon in vorgeschichtlicher Zeit war unser Eutritzsch besiedelt. Das Dorf entstand aus einer slawischen Siedlung, die vermutlich durch die deutsche Ostexpansion im 12. und 13. Jahrhundert von fränkischen Bauern ausgebaut wurde. Bereits 1335 wird Eutritzsch als UDERICZ erwähnt. Der Zugang zum Doppelsackgassendorf erfolgte vom ehemaligen Dorfplatz, dem heutigen Eutritzscher Markt. Die südliche Gasse (heute Bünaustraße) nannte man „Klein-Ende“ und die nördliche Gasse (heute Gräfestraße) „Groß-Ende“. 1381 erwirbt die Stadt Leipzig Eutritzsch. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ging es auch in Eutritzsch wieder aufwärts. Innerhalb weniger Jahre entstanden drei neue Gasthäuser (Kümmelapotheke, Anker, Goldener Helm). Bei den Bauernhöfen, vorwiegend Dreiseitenhöfe, standen meist die Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude giebelseitig zur Dorfstraße. Das Krüppelwalmdach war vorherrschend. Die Wohnhäuser der Häusler befanden sich an der Südseite des Dorfplatzes und entlang der heutigen Seitengasse. Schmiede, Armenhaus und Hirtenhaus waren ebenfalls am Dorfplatz, sowie drei Teiche, die durch die Dorfgemeinschaft zum Fischen genutzt wurden.
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Bis 1840 blieb Eutritzsch ein reines Bauerndorf. Dann begann mit der ersten Ortserweiterung, dem sogenannten „Anbau“, an der Ostseite der heutigen Delitzscher Straße und der Niederlassung der ersten Fabrik, der Kammwollengarnspinnerei zwischen der heutigen Schiebeund Kunadstraße auch die industrielle Entwicklung Eutritzschs. 1863 konnte das neue Schulgebäude (34. Schule) bezogen werden. Das heutige Hauptgebäude wurde 1885 fertig. 1910 folgte der Schulneubau an der Anhalter Straße (33. Schule). Seit 1860 bestand zwischen Eutritzsch und Leipzig eine Pferdeomnibusverbindung, bis 1879 die Pferedebahn vom Augustusplatz zum Godenen Helm verkehrte. 1878 eröffnete die St. Annen-Apotheke. In den 1880er Jahren erreicht Eutritzsch die Größe einer mittleren Stadt. So entsteht in den Jahren 1887/88 das prächtige Rathaus, bevor 1890 die Eingemeindung nach Leipzig erfolgte. Zu den weiteren, nun verstärkten Industrieansiedlungen (Industriegebiet Zschortauer Straße) kommen werbeträchtig für Eutritzsch 1909 die 23. Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (326.400 Besucher in 6 Tagen) und 1913 das 12. Deutsche Turnfest (70.000 Turner) hinzu.
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Große bis heute sichtbare Schäden entstanden durch die Fliegerangriffe im Zweiten Weltkrieg. Diese von mir aneinandergereihten unvollständigen Ereignisse um Eutritzsch sollen den Blick schärfen für die in den Text eingebetteten Abbildungen. Viel Bausubstanz wurde nach der politischen Wende gerettet und viele Gebäude entstanden neu. Bewegt man sich heute durch den Leipziger Ortsteil Eutritzsch sieht man dennoch vor allem ruinöse Industriearchitektur, die zum Teil seit 1945 auf eine Wiederbelebung wartet. Bei der Gestaltung dieses Artikels habe ich die Ausführungen von Wolfgang Grundmann (1937–2004) in „Aus der Geschichte des Stadtteiles Leipzig-Eutritzsch“ (1985) verwendet.
Frank Heinrich