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Schneiders Zeitblick

Was ist aus der Kirche geworden?

Vornweg – ich bin kirchlich sozialisiert. Nach der Hochzeit habe ich mit meiner Familie mehrere Jahrzehnte zuerst der Gohliser Michaeliskirche und später der Eutritzscher Christuskirche angehört. Die Kirche war für uns nicht nur spirituelle, sondern vor allem auch politische Heimat. Man war unter Gleichgesinnten! Zum Pfarrer Thomas Müller hatte ich einen guten Draht und half, wo ich konnte.

Dann kam die Wende und mit ihr ein neuer Geist. Schleichend übernahm man, vielfach auch mit Unterstützung von Neubürgern aus Westdeutschland, die Ideen der alten Bundesländer. In meiner Tauf- und Konfirmationskirche St. Laurentius in Markranstädt ließ der neue Pfarrer die Bronzetafel mit dem Bildnis Martin Luthers abhängen: Der Mann sei Antisemit gewesen. Das ist aus heutiger Sicht sachlich richtig, aber kann man einen Menschen mit dem Wissensstand des 16. Jahrhunderts dafür heute verurteilen? Wer weiß, was die Leute in 500 Jahren über uns denken werden?

Barack Obama hat in einem Interview mit der New York Times 2019 sinngemäß gesagt, dass der Aktivismus junger Menschen heute darauf beruht, andere an den Pranger zu stellen. Der ehemalige US-Präsident befürchtet die Unterwanderung der Meinungsfreiheit und erkennt eine Art neuen Moralismus für politische Korrektheit. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Bei den Kirchen äußert sich das insbesondere darin, dass u. a. die Mitteilungen (Kirchenblättchen) gegendert werden. Aber der Gipfel dieses Prozesses war im Februar 2020, trotz ständig knapper Kassen der evangelischen Kirche (EKD), der Kauf eines Schleuserbootes für eine Million Euro, um Menschen über das Mittelmeer nach Europa zu holen. Hinzu kommt, dass man begonnen hat, alte Kirchenlieder umzudichten. Inzwischen ist ein gänzlich neues Gesangbuch auf dem Markt, was innerhalb der letzten verbliebenen Kirchgänger erhebliche Diskussionen ausgelöst hat. Mit anderen Worten, die Kirche ist in Deutschland von einer seelsorgerischen zur politischen Institution geworden. Alte, traditionelle Werte hat man über Bord geworfen und sich dem neuen Zeitgeist angebiedert.

Doch wie konnte das geschehen? Nun, man hat aus den 40 Jahren DDR-Geschichte gelernt. Die Kirche soll nie wieder ein Zufluchtsort für Andersdenkende sein. So, wie man inzwischen vom Kindergarten bis zur Uni die links-grünen Ideologien verbreitet, soll es auch im privatesten Bereich des Menschen, der Seelsorge sein. Die evangelische Kirche ist zu einer verkappten NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) geworden. Der überproportionale Mitgliederschwund in den letzten 30 Jahren legt dazu ein beredtes Zeugnis ab. Inzwischen hat man in Deutschland die ersten Kirchen entweiht und in Veranstaltungsgebäude umgewandelt.

Hoffen wir das Beste für unsere kleine Kirche in Eutritzsch, deren ältester Teil (Turmsockel) auf das Jahr 1381 datiert wird. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten liebevoll instandgesetzt, wozu die Gemeinde ein ansehnliches Scherflein beigetragen hat. Doch für wen soll ich mich heute stark machen? Für Spinner, die unsere schöne deutsche Sprache verhunzen? Für Traumtänzer, die nicht erkennen wollen, dass Überfremdung ins Chaos führen wird? Für linke Theologen, die Nächstenliebe mit Selbstaufgabe verwechseln? Die Zukunft wird’s zeigen.

Bleiben Sie, liebe Leser, ihrer spirituellen Meinung treu – mit oder ohne Amtskirche, das hofft herzlichst

Ihr Jürgen Schneider
(schneiders-zeitblick@web.de)
Der Text entspricht den Vorgaben von Artikel 5 GG.

Karikatur von Ulrich Forchner, Juli 2026